Michaela Polacek
*1972 | Wien / †2026 | Wien [AT]
Michaela Polacek war bereits 30 Jahre alt, als sie zu zeichnen begann. Angeregt von den abstrusen Motiven des Autors und Zeichners Tex Rubinowitz, entwarf sie ab 2002 eigenartige figurative Charaktere und Szenerien – zunächst auf kleineren Blättern mit Tusche und Aquarellfarben. Ohne Rücksicht auf schlüssige Pointen oder Handlungsebenen entstanden zahlreiche Serien, rätselhafte Ein-Bild-Geschichten, die sie mit ebenso verschrobenen Schachtel- und Koppelworten betitelte.
2012 verlagerte sie ihren Arbeitsplatz ins Atelier 10. Mit dem Ortswechsel veränderte sie auch recht abrupt ihre Arbeitsweise. Polacek begann, sich mit Fineliner und Tuschefüller eine äußerst minutiöse Technik anzueignen und erweiterte die Bildflächen um ein Vielfaches.
Während ihre früheren Arbeiten zurückhaltender und illustrativer waren, kontaminierte sie später Figuren und Objekte, Körperteile, Architektur und Ornamentik zu freien zeichnerischen Assoziationsketten, zu aufwendigen Kompositionen von manchmal barocker Dichte und Opulenz. Die Struktur ihrer Gebilde erinnert zuweilen an Pestsäulen, Kartografien, pflanzliches Dickicht, an martialisches Gerät oder innerorganisches Gewürm. Ihre Motive zog sie auf ca. 2 x 3 m, später gar auf ca. 3 x 4 m große Papierflächen.
Polacek schaffte ebenso komplexe wie unmittelbar emotionalisierende Kompositionen. Sie sind weitgehend ungegenständlich, aber durchwurzelt mit versteckten Gestalten, mit „Brustbusenmadonnen“ oder Frauenköpfen, deren Fratzen, Frisuren und Hüllen für sie wichtige Anhaltspunkte, eine Art Grundordnung beim Bildaufbau waren. Polacek wollte aber, dass ihre Gestaltung so kryptisch und verschlossen bleibt, wie ein wilder Traum. Und so führte sie, wie sie sagte, mit jedem Bild einen regelrechten Kampf gegen drohende künstlerische Gefälligkeiten und schnöde Harmonien.
Michaela Polacek wurde 1972 in Wien geboren und arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre fünf Jahre als Bürokraft. Nicht sonderlich beeindruckt von ihren beruflichen Aussichten und der bürgerlichen Ernsthaftigkeit ihrer Umgebung, suchte sie nach einem Positionswechsel. Sie kündigte ihre Stelle für ein Jahr und machte den Flugschein für Einmotorige. Nach dem beruflichen Wiedereinstieg jedoch erkrankte sie 1998 und begab sich für längere Zeit in psychiatrische Behandlung. Im Krankenhaus näherte sich Polacek erstmals einfachen künstlerischen Medien. Da an ein Fortführen ihres vorigen Berufslebens nicht mehr zu denken war, besuchte sie für einige Jahre das offene Atelier in Gugging, wo ihre Arbeiten erstmals wirkliche Wertschätzung erfuhren. Zwischenzeitlich zog sie sich wieder zurück und zeichnete in ihrer Wohnung – bis sie von einer befreundeten Kunstsammlerin von der Planung des Atelier 10 erfuhr.
Michaela Polacek ist nach kurzer und schwerer Krankheit in der Nacht auf den 18. Juni 2026 gestorben.
Polaceks Zeit als Kunstschaffende ist überschaubar – sie hinterließ jedoch ein beeindruckendes und umfangreiches Werk.
Ihren späten Einstieg als anerkannte Künstlerin kann mit ihrer ersten Ausstellung im Atelier 10 im September 2012 datiert werden. Es folgten zahlreiche weitere Präsentationen, Verkäufe und fachliche Besprechungen. Ihre größte Wertschätzung zu Lebzeiten erfuhr sie kurz vor ihrem unerwarteten Tod: Die Kunsthalle Wien erkannte ihre Relevanz und wählte sie für die Gruppenausstellung „Lebt und arbeitet in Wien – Contemporary Art from Vienna“ aus. Bis zum 26. Oktober 2026 sind von ihr dort noch drei großformatige Zeichnungen zu sehen.
Auch das Museum Gugging widmet ihr in diesem Jahr eine seit langem geplante Sonderschau. Vielleicht wird ausgerechnet 2026 der wertvollste Teil ihrer enormen künstlerischen Strahlkraft ersichtlich: Michaela Polacek hat es geschafft, Fachleute aus immer noch voneinander getrennt behandelten Bereichen gleichermaßen für sich zu begeistern. Jene aus der zeitgenössischen Kunst und jene aus der Art Brut bzw. Outsider Art. Was sagt es also über die Vernunft einer Grenzziehung aus, wenn sich beide Seiten so leidenschaftlich auf die eine Kunst einigen können?
Einzelausstellung
2024 › verkopft, verherzt, verhaart, verzischt | Österreichische Gesellschaft vom Goldenen Kreuze / Wien [AT]
Gruppenausstellungen [Auswahl]
Permanent ausgestellt im Atelier 10
2026 › Lebt und arbeitet in Wien – Contemporary Art from Vienna | Kunsthalle Wien / Wien [AT]
2025 › el tonto está muerto – the art is presence | Atelier 10 / Wien [AT]
2025 › Art Brut im Kaisergang | Werke aus der Sammlung Hannah Rieger / Stift Melk [AT]
2024 › Biotop Art Brut. Werke aus der Sammlung Hannah Rieger | Kunsthalle Jesuitenkirche / Aschaffenburg [DE]
2024 › Bartwechsel | Atelier 10 / Wien [AT]
2023 › BRUT 1er chapitre : LATITUDE | Galerie DYS / Brüssel [BR]
2023 › facelift | Atelier 10 / Wien [AT]
2023 Zwischenräume – Art Brut aus der Sammlung Hannah Rieger | Galerie Sigm. Freud / Graz [AT]
2023 › Borderline | Les funambules du langage | Galerie Arthur Borgnis | l'Appart Renoma / Paris [FR]
2022 › unstatic stories | Atelier 10 / Wien [AT]
2021 › Kratzien – Michaela Polacek und Evamaria Schaller | Galerie3 / Klagenfurt [AT]
2020 › Atelier 10 | Project Statement, Kunstmesse Parallel Vienna / Wien [AT]
2020 › hinterzwischen | AKH Contemporary / Wien [AT]
2019 › Atelier 10 | Akademie Graz [AT]
2019 Lichterloh KunsthandelsgesmbH / Wien [AT]
2018 › Atelier 10 | Leopold Museum, Ausstellungsevent / Wien [AT]
2018 Michaela Polacek | Magdas Hotel / Wien [AT]
2018 Kunst und Kultur in Unternalb | Unternalb bei Retz [AT]
2018 › verküsst, verwässert, dutiert | Atelier 10 / Wien [AT]
2016 › Le Mal des Fleurs | ARCC.art, Stilwerk / Wien [AT]
2016 › Drawing Ten | Atelier 10 / Wien [AT]
2015 › Polacek und Meduna | Atelier 10 / Wien [AT]
2015 Das Atelier 10 | Coopérations, Galerie Prabbeli / Wiltz [LU]
2015 Die Natur ist die Kunst | Galerie Markhof2 / Wien [AT]
2013 Zeichnung Wien die 4te | Galerie Lindner / Wien [AT]
2013 › Kleibel Neuhauser Polacek | Atelier 10 / Wien [AT]
2013 Die schöne Galathée | Unternalb bei Retz [AT]
2012 › Veränderung an allgemeinen Teilen | Atelier 10 / Wien [AT]
Publikationen | über Michaela Polacek
2024 Michaela Polacek. ‘I had to eat myself up on the left, now I’m only on the right’ | Florian Reese / in: Epidemiology and Psychiatric Sciences, Contemporary Outsider Art, Volume 33 / englisch / Cambridge University Press [Hrsg.] / Cambridge [GB] › „I had to eat…“
2022 Im Gespräch mit Florian Reese | in: Am Rande des österreichischen Mainstreamdiskurses | Amalija Stojsavljevic, Verein Kunstentropie [Hrsg.] / Eigenverlag Wien [AT] / S. 30
2022 › Atelier 10 - now we are ten | Katalog, Atelier 10 [Hrsg.] / Verlag für moderne Kunst, Wien [AT]
2021 Michaela Polacek | Booklet, Atelier 10 [Hrsg.] / deutsch / DinA5 / 14 Seiten / Wien [AT]
2020 Der Stand der Dinge | in: andersART - Kunst im Dialog / Angelica Bäumer, Fonds andersART [Hrsg.] / Wien [AT] / S. 27
2017 Michaela Polacek. Die Faszination der Linie | Andreas Hoffer, in: Parnass, Ausgabe 01/2017 / Wien [AT] / S. 32–33
2015 Michaela Polacek | Booklet, Atelier 10 [Hrsg.] / deutsch / DinA5 / 14 Seiten / Wien [AT]
2014 › Michaela Polacek | Florian Reese in: Kunst, die verbindet - Die Sammlung Hannah Rieger, die Sammlung Kurt Steinke und andere Projekte der Leidenschaft / Hannah Rieger [Hrsg.] / AQ-Verlag, Wien [AT] / S. 112
Sammlungen
Sammlung der Stadt Wien [AT]
› Vienna Insurance Group [AT]
› Hannah Rieger Collection [AT]
Soziale Medien
› Michaela Polacek [Instagram]
Partner | auch vertreten von
› Galerie Arthur Borgnis [FR]
Video | Artist Talk mit Michaela Polacek, Angela Stief und Florian Reese / 04. Februar 2025 / 52:22 Min.
Zur ihrer Ausstellung "verkopft, verherzt, verhaart, verzischt" in der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze spricht Michaela Polacek mit der
Kuratorin Angela Stief [Direktorin Albertina Modern]
und Florian Reese [Leiter Atelier 10]